Perspektive eines deutschen Muslims
Ich bin Deutscher.
Ich bin Muslim.
Ich bin Teil dieses Landes – mit allen Rechten, allen Pflichten, aller Liebe und aller Kritik. Und wenn ich sehe, wie die BILD-Zeitung versucht, Deutschland auf 100 überwiegend “witzige” Gründe zu reduzieren, dann spüre ich: Diese Liste meint nicht mich. Diese Liste meint ein Klischee-Deutschland, das es so nicht gibt – und das nie mir gehört hat.
Der Spott im Schafspelz
Die BILD hat kürzlich „100 Gründe“ veröffentlicht, warum man Deutschland lieben soll. Darunter:
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„Weil wir das Wort Biergarten haben.“
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„Weil der Döner ein gut integrierter Spießer ist.“
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„Weil unsere Autos noch fahren, wenn andere schon Cola-Dosen sind.“
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„Weil der Tatort sonntags heilig ist.“
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Und ja – mittendrin: Artikel 1 des Grundgesetzes. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Ich musste zweimal lesen.
Nicht, weil ich überrascht war, dass dieser Satz da auftaucht. Sondern weil er zwischen Gags und Gartenzwergen ertränkt wird. Zwischen Witzen über Brot, Humor über Ordnungsliebe und diesem ewig gleichen „Wir-Deutschen-sind-irgendwie-nerdig-aber-liebenswert“-Ton, der sich für Gemeinschaft ausgibt – und doch ausschließt.
Diese Liste liebt ein Bild – kein Land
Was BILD hier feiert, ist nicht Deutschland.
Es ist eine Fantasie.
Ein Deutschland ohne Brüche. Ohne Widersprüche. Ohne uns.
Denn wo ist in dieser Liste das Deutschland, in dem ich lebe?
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Das Deutschland, in dem ich als Sohn von Gastarbeitern mit Ramadan und Reformation groß wurde.
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Das Deutschland, in dem ich in Moscheen Respekt und auf der Straße manchmal Argwohn erlebe.
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Das Deutschland, das mich nie gefragt hat, ob ich „hierhergehöre“ – aber das mir viel zu oft gesagt hat, was ich sein soll, um dazugehören zu dürfen.
Diese Liste – und der Ton, mit dem sie geschrieben ist – verkennt nicht nur Realität, sie verspottet sie.
Sie reduziert Zugehörigkeit auf Grillkultur, Ordnungssinn und Fernsehrituale.
Sie ignoriert Millionen Deutsche, die eben nicht in diese Karikatur passen – aber trotzdem Teil davon sind.
Worauf wir wirklich stolz sein dürfen – und worauf nicht
Nicht auf Würste. Sondern auf Würde.
Artikel 1 ist mehr als ein hübsches Zitat. Es ist das moralische Fundament dieses Landes. Dass BILD ihn instrumentalisiert, um sich zwischen Döner-Gags und Apfelschorle zu stellen, ist ein Schlag ins Gesicht aller, die ernsthaft für Menschenrechte kämpfen – hier und weltweit.
Nicht auf Klischees. Sondern auf Klarheit.
Wir erinnern uns offen an unsere Geschichte. Kein anderes Land der Welt hat sich so tiefgehend mit seiner Schuld beschäftigt. Stolz bedeutet hier nicht Wegschauen, sondern Hinsehen – trotz allem. Und genau deshalb kann er ehrlich sein.
Nicht auf gestohlene Schätze. Sondern auf Gerechtigkeit.
In der Liste der BILD heißt es:
„Weil wir mit Nofretete die schönste Frau Ägyptens in Berlin haben.“
Was wie ein harmloser Satz wirkt, ignoriert den kolonialen Kontext:
Die Büste der Nofretete wurde unter fragwürdigen Bedingungen außer Landes gebracht – wie unzählige andere Kulturgüter aus Afrika, Asien und dem Nahen Osten. Heute fordern Herkunftsländer ihre Rückgabe, aus gutem Grund.
Kulturgüter, die mit Macht, Ausbeutung oder Täuschung nach Europa kamen, sind kein Grund für Stolz – sondern ein Prüfstein für unser moralisches Gewissen.
Zur Erinnerungskultur gehört auch, Verantwortung für diese dunklen Kapitel zu übernehmen – nicht, sie zwischen „Lustige Gründe“-Gags zu verstecken.
Fazit: Deutschland gehört uns allen
Ich liebe Deutschland nicht, weil ich hier Brot kriege.
Sondern weil ich hier meine Religion frei leben darf.
Ich liebe Deutschland nicht, weil die Mülltrennung funktioniert.
Sondern weil hier das Grundgesetz gilt – für alle.
Ich liebe Deutschland nicht, weil der „Tatort“ läuft.
Sondern weil ich als Muslim gegen Diskriminierung klagen kann – und dabei vor einem unabhängigen Gericht stehe.
Diese Dinge sind nicht witzig.
Sie sind wertvoll.
Ich will kein „besseres“ Deutschland.
Ich will ein ehrlicheres.
Eins, das nicht so tut, als sei Heimatliebe ein Partyspiel.
Eins, das weiß, was für ein Geschenk es ist, in einem Land leben zu dürfen, das – trotz aller Fehler – Prinzipien hat. Und Menschen, die für diese Prinzipien kämpfen. Auch, wenn sie dabei nicht in den BILD-Humor passen.
Ich liebe Deutschland, weil ich hier sagen darf, dass ich enttäuscht bin.
Weil ich diesen Text schreiben darf – ohne Angst.
Weil Artikel 1 mehr ist als ein Slogan – sondern ein Versprechen.
Nicht nur für die, die immer dazugehören. Sondern auch für die, die dafür kämpfen mussten.
Und genau deshalb verlange ich: Wenn ihr über dieses Land schreibt – dann tut es mit Würde.
Nicht mit Gags.
Nicht mit Gönnerhaftigkeit.
Und nicht über unsere Köpfe hinweg.
Denn Deutschland gehört uns allen.

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