Mehr als elf Angriffe täglich: Wenn Rassismus gegen Muslime zur Normalität wird
Diese Woche hat das Netzwerk CLAIM – die Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit – seinen neuen Jahresbericht vorgelegt. Das Ergebnis ist erschütternd und darf uns nicht kalt lassen: 4.096 antimuslimische Vorfälle wurden im Jahr 2025 in Deutschland dokumentiert. Das sind mehr als elf Angriffe pro Tag. Verbale Attacken, körperliche Gewalt, Sachbeschädigungen, 61 Angriffe auf Moscheen – und zwei Tötungsdelikte. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn CLAIM selbst warnt vor einem erheblichen Dunkelfeld.
Als Imam, der täglich mit Betroffenen spricht, kann ich sagen: Diese Zahlen überraschen mich nicht. Sie bestätigen, was viele Muslime in Deutschland täglich erleben – und worüber sie oft schweigen, weil sie Angst vor Repressionen haben oder weil sie resigniert haben. Diese Resignation ist das eigentliche Alarmsignal.
Was religiöse Quellen über die Menschenwürde sagen
Der Koran ist in dieser Frage unmissverständlich. Allah, der Erhabene, spricht:
„Und Wir haben die Kinder Adams geehrt und sie zu Land und zu Wasser getragen und ihnen von den guten Dingen versorgt und sie vor vielen Unserer Geschöpfe ausgezeichnet.”
(Sure Al-Isra, 17:70)
Die Würde des Menschen – Karama al-Insan (die Würde des Menschen) – ist aus dieser religiösen Sicht keine Frage der Herkunft, der Religion oder des Aussehens. Sie ist gottgegeben und unveräußerlich. Wer einen Menschen wegen seines Glaubens, seines Kopftuchs oder seiner Hautfarbe angreift, greift diese gottgegebene Würde an.
Und der Prophet Muhammad, Friede sei mit ihm, hat uns gelehrt:
„Wer von euch ein Unrecht sieht, soll es mit seiner Hand ändern. Wenn er das nicht kann, dann mit seiner Zunge. Wenn er das nicht kann, dann mit seinem Herzen – und das ist der schwächste Glaube.”
(Sahih Muslim)
Schweigen ist keine Option. Weder für Muslime noch für alle anderen Menschen guten Willens in diesem Land.
Was das Grundgesetz garantiert – und was die Realität zeigt
Artikel 4 des Grundgesetzes garantiert die Freiheit des Glaubens und des religiösen Bekenntnisses. Artikel 3 verbietet die Benachteiligung wegen des Glaubens. Das sind keine leeren Worte – das sind Grundrechte, für die Menschen gekämpft haben und die täglich verteidigt werden müssen.
Doch die CLAIM-Zahlen zeigen: Für viele Muslime in Deutschland ist diese verfassungsrechtliche Garantie noch keine gelebte Realität. Besonders betroffen sind Frauen: Rund zwei Drittel der dokumentierten Opfer sind Frauen – insbesondere solche, die durch ihr Kopftuch als muslimisch erkennbar sind. Sie werden auf der Straße beschimpft, in Behörden diskriminiert, in Schulen ausgegrenzt.
CLAIM-Geschäftsführerin Rima Hanano bringt es auf den Punkt: Antimuslimischer Rassismus kommt nicht nur vom rechten Rand – er kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Das ist unbequem. Aber es ist die Wahrheit, der wir uns stellen müssen.
Ferda Ataman, die Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, bezeichnete den Bericht als „Alarmsignal” und forderte eine stärkere Verankerung des Schutzes vor Diskriminierung im Grundgesetz und im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. Ich schließe mich dieser Forderung ausdrücklich an.
Was wir jetzt brauchen
Es braucht mehr als Betroffenheitsbekundungen. Konkret fordere ich:
- Strukturelle Finanzierung der Beratungsstellen für Betroffene antimuslimischen Rassismus – dauerhaft und verlässlich, nicht projektgebunden.
- Explizite Benennung antimuslimischen Rassismus in nationalen Aktionsplänen gegen Rassismus – auf Augenhöhe mit anderen Formen der Diskriminierung.
- Schulungen für Lehrkräfte, Behördenmitarbeiter und Polizei im Umgang mit antimuslimischen Vorfällen.
- Niedrigschwellige Meldewege, damit Betroffene Vorfälle ohne Angst vor Repressionen anzeigen können.
Und an die muslimische Gemeinschaft: Lasst uns gemeinsam sichtbar sein. Nicht aus Trotz, sondern aus Überzeugung. Wir sind Teil dieser Gesellschaft – als Bürgerinnen und Bürger, als Nachbarn, als Kolleginnen und Kollegen. Unsere Würde lassen wir uns nicht nehmen.
Interreligiöse Solidarität ist dabei unverzichtbar. Ich bin dankbar für alle christlichen, jüdischen und säkularen Stimmen, die sich klar gegen antimuslimischen Rassismus aussprechen. Denn Rassismus gegen eine Gruppe ist eine Bedrohung für alle.
Meine Frage an euch
Habt ihr selbst antimuslimischen Rassismus erlebt – oder beobachtet? Wie seid ihr damit umgegangen? Schreibt es in die Kommentare. Eure Erfahrungen sind wichtig – und sie helfen uns, gemeinsam stärker zu werden.
Imam | Seelsorger | Pädagoge | YouTuber | Edutainer
Tags: antimuslimischer Rassismus, CLAIM, Islamfeindlichkeit, Muslime in Deutschland, Diskriminierung, Religionsfreiheit, Grundgesetz, Menschenwürde, Kopftuch, Moschee, Integration, Rassismus, Islamophobie, Zivilgesellschaft, Meldestelle

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